und was Elektromobilität wirklich voranbringt:
Elektromobilität ist richtig.
Sie ist notwendig.
Und sie ist in Deutschland immer noch viel zu selten.
Aber der Grund dafür liegt nicht primär im Preis der Fahrzeuge.
Er liegt im Alltag.
Genauer gesagt: am Ladepunkt.
Elektromobilität funktioniert – aber nur für einen Teil der Gesellschaft
Wer heute elektrisch fährt und zufrieden ist, gehört meist zu einer dieser Gruppen:
Menschen mit Eigenheim, Stellplatz, Wallbox
idealerweise zusätzlich mit Photovoltaik auf dem Dach
oder Nutzer von Firmenwagen, die steuerlich begünstigt sind
Für diese Gruppen ist Elektromobilität ein No-Brainer:
Laden zu Hause
Stromkosten von 5–12 ct/kWh (bei PV teils faktisch nahe 0)
planbar, günstig, bequem
Für viele andere gilt das Gegenteil.
Die harte Realität für Stadtbewohner und Mieter
Die Mehrheit der Menschen in deutschen Städten:
hat keinen eigenen Stellplatz
keine Möglichkeit für eine Wallbox
keinen Zugang zu PV-Strom
ist auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen
Und genau dort liegt das Problem:
Öffentlicher AC-Strom: oft 0,39–0,59 €/kWh
Öffentlicher DC-Strom: häufig 0,69–0,79 €/kWh
Haushaltsstrom: ca. 0,38–0,40 €/kWh
PV-Strom: 5–12 ct/kWh (Grenzkosten teils nahe 0)
👉 Der gleiche Kilometer kostet je nach Wohnform ein Vielfaches.
Elektromobilität ist damit kein reines Mobilitätsthema mehr –
sondern ein Energie-, Infrastruktur- und Gerechtigkeitsthema.
Warum Kaufprämien dieses Problem nicht lösen
Kaufprämien setzen am falschen Hebel an.
Sie senken den Anschaffungspreis –
aber sie ändern nichts an:
fehlenden Ladepunkten in Wohnquartieren
überhöhten Strompreisen an öffentlichen Säulen
der strukturellen Benachteiligung von Mietern
der Abhängigkeit vom Eigenheim
In der Praxis bedeutet das:
Gefördert werden vor allem diejenigen, die ohnehin günstig laden können.
Das ist weder effizient noch sozial ausgewogen.
Firmenwagen: wichtiger Treiber – aber kein Beweis für Alltagstauglichkeit
Oft wird argumentiert:
„Die Firmen fahren doch längst elektrisch.“
Das stimmt teilweise – aber mit Einschränkungen.
Was wir wissen (Fakten):
Elektro-Firmenwagen profitieren von der 0,25-%-Versteuerung
Das ist ein erheblicher finanzieller Vorteil gegenüber Verbrennern
Firmenwagen haben einen überdurchschnittlichen BEV-Anteil
Was wir nicht wissen (und ehrlich sagen müssen):
Es gibt keine belastbaren, öffentlich verfügbaren Zahlen,
die zeigen, ob diese E-Firmenwagen überwiegend von
Außendienstlern oder Führungskräften genutzt werden.
Plausible Annahme (aber nicht belegt):
Außendienst mit hohen Tageskilometern fährt häufig weiter Verbrenner
E-Firmenwagen sind oft:
Management-Fahrzeuge
Poolcars
Fahrzeuge für planbare Strecken
Geladen wird überwiegend betrieblich oder zu Hause, nicht öffentlich
👉 Firmenwagenstatistiken sagen wenig über die Alltagstauglichkeit für private Stadtbewohner aus.
Photovoltaik: der eigentliche Game Changer
Ein Punkt wird in der Debatte fast immer unterschätzt:
Photovoltaik ist der stärkste Treiber der Elektromobilität.
40–50 % der E-Autofahrer laden bereits mit PV-Strom
In Eigenheimen liegt der Anteil deutlich höher
PV macht Elektromobilität extrem günstig –
günstiger als jede andere Antriebsform
Aber:
PV ist im urbanen Raum kaum zugänglich
Mieterstrommodelle sind kompliziert
Quartiers-PV ist noch die Ausnahme
Ohne Sonne in der Stadt keine faire Elektromobilität in der Stadt.
Deutschland hat nicht zu viele E-Autos – sondern zu wenige
Das ist wichtig klarzustellen.
Deutschland braucht mehr Elektromobilität.
Aber damit sie kommt, braucht es zuerst:
mehr Ladepunkte, vor allem dort, wo Menschen wohnen
faire Strompreise für öffentliches Laden
PV-Lösungen für Mietquartiere
Infrastruktur-Förderung statt Kaufprämien
Was wirklich helfen würde
Massiver Ausbau urbaner Ladeinfrastruktur
– Laternenladen, Parkhäuser, Quartiersgaragen
– Ziel: 7–10 Fahrzeuge pro Ladepunkt
Deckelung der Preise für öffentliches Laden
– mindestens auf Haushaltsstromniveau
PV-Offensive für Städte
– Mieterstrom vereinfachen
– Quartiers-PV fördern
– PV bei Neubau und Sanierung verpflichtend mitdenken
Förderlogik ändern
– Prämien für Ladepunkte, nicht für Autos
– Nutzung ermöglichen, nicht Besitz subventionieren
Fazit
Elektromobilität entscheidet sich nicht im Autohaus.
Sie entscheidet sich im Alltag.
Am Bordstein.
Am Stromzähler.
Am Dach.
Deutschland braucht mehr Elektroautos.
Aber dafür braucht es zuerst:
Strom, Sonne, Steckdosen – und Gerechtigkeit.