Falscher Fahrplan, liebe ver.di: Warum der Staat euer eigentlicher Tarifpartner ist

Wer heute im öffentlichen Dienst streikt, trifft vor allem Pendler und Betriebe – dabei sitzt der eigentliche Kostentreiber längst in Berlin und in den Amtsstuben.

Falscher Fahrplan, liebe ver.di: Warum der Staat euer eigentlicher Tarifpartner ist

Wenn in Deutschland der Nahverkehr stillsteht, steht auch das Leben still:

Kinder kommen nicht zur Schule, Pflegekräfte nicht in die Frühschicht, Handwerker nicht zur Baustelle.

Genau das haben wir wieder erlebt, als ver.di den kommunalen Nahverkehr bundesweit nahezu lahmgelegt hat.

Dass Beschäftigte für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, ist absolut legitim. Aber eine Frage drängt sich auf:

Streikt ihr wirklich gegen die Richtigen?

Denn das eigentliche Problem im Portemonnaie der Beschäftigten entscheidet heute viel weniger der Arbeitgeber – und viel stärker der Staat.


1. Das Brutto zahlt der Arbeitgeber. Das Minus dazwischen kassiert der Staat.

Bei Tarifrunden dreht sich alles um ein paar Prozent mehr Lohn. Die Rechnung scheint einfach:

mehr Prozent = mehr Geld im Portemonnaie.

In Wahrheit ist es komplizierter:

  • Das Brutto zahlt der Arbeitgeber.
  • Das Minus dazwischen kassiert der Staat – über Steuern und Sozialabgaben.
  • Übrig bleibt ein Netto, das sich für viele nicht nach „mehr“ anfühlt.

Deutschland gehört bei der Belastung von Arbeit seit Jahren zur internationalen Spitzengruppe. Wer mehr arbeitet oder mehr verdient, wird überproportional zur Kasse gebeten.

Wer also nur auf „mehr Brutto“ streikt, führt seinen Kampf auf halber Strecke.


2. Reallöhne: Wenn die Inflation die Lohnerhöhung frisst

Die letzten Jahre waren für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst kein Lohnmärchen:

  • Preise für Energie und Lebensmittel sind deutlich gestiegen.
  • Mieten, Mobilität und Dienstleistungen werden Schritt für Schritt teurer.
  • Gleichzeitig wurden viele Entlastungen gestrichen oder befristet angelegt.

Das Ergebnis: Selbst kräftige Tarifabschlüsse fühlen sich im Alltag nicht nach „mehr“ an.

Denn zwischen Lohnzettel und Ladenkasse greifen gleich mehrere Ebenen zu:

  • Steuern und Sozialabgaben auf Arbeit
  • Abgaben auf Energie und Mobilität
  • politische Entscheidungen, die Wohnen und Bauen verteuern

Mit anderen Worten:

Die Politik frisst einen guten Teil der Tarifabschlüsse wieder auf.


3. Die Leidtragenden: Beschäftigte, Pendler, Mittelstand

Wenn der ÖPNV stillsteht, trifft das nicht „die da oben“, sondern die dazwischen:

  • Pflegekräfte, Verkäuferinnen, Erzieher, Azubis, Studierende
  • Beschäftigte, die sich auf Bus und Bahn verlassen
  • Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen, deren Leute schlicht nicht zur Arbeit kommen
  • Selbständige, die Kundentermine nicht wahrnehmen können

Gerade der Mittelstand spürt das doppelt:

als Arbeitgeber und als Pendler.

Das Absurde:

Mittelstand und Beschäftigte im ÖPNV haben dieselben Gegner:

  • hohe Steuer- und Abgabenlast
  • überbordende Bürokratie
  • ausufernde Staatsausgaben ohne sichtbare Entlastung

Sie stehen eigentlich auf derselben Seite – nur merkt man davon im aktuellen Streikbetrieb wenig.


4. Streik gegen den Staat? Politisch klüger als der nächste Busstillstand.

Rein formal ist klar: Gewerkschaften streiken gegen Arbeitgeber, nicht gegen Regierungen. Das ist die Logik des Tarifrechts.

Politisch aber könnte ver.di den Fokus deutlich verschieben.

Statt immer neue Streikwellen zu organisieren, die Pendler, Familien und Betriebe treffen, könnte die Gewerkschaft sagen:

„Wir kämpfen für mehr Netto vom Brutto – und zwar dort, wo die größte Bremse sitzt: bei Steuern, Abgaben und Bürokratie.“

Was hieße das konkret?

  • Bündnisse schmieden mit Mittelstands- und Handwerksverbänden, Berufsverbänden, Sozialverbänden
  • Gemeinsame Forderungen an die Bundesregierung formulieren, etwa:
    • Entlastung bei Sozialabgaben für mittlere Einkommen
    • spürbare Anhebung von Freibeträgen
    • Abbau von Abgaben auf Energie und Mobilität
    • Bürokratieabbau, der auch den öffentlichen Dienst entlastet
  • Protestformen entwickeln, die den politischen Druck erhöhen – ohne jedes Mal das Land lahmzulegen

Der eigentliche „Streik der Zukunft“ könnte so aussehen:

Nicht mehr Busse in den Depots, sondern Politik in der Pflicht.


5. Was Beschäftigte wirklich wollen: Mehr Netto, nicht nur mehr Theater

Spricht man mit Beschäftigten im öffentlichen Dienst, hört man selten nur: „Ich will 7 % mehr Brutto.“

Man hört vor allem:

  • „Ich will, dass sich eine Zusatzschicht lohnt.“
  • „Ich will mir Wohnung, Familie, Mobilität leisten können.“
  • „Ich will nicht, dass jede kleine Lohnerhöhung sofort durch Steuern und Beiträge wieder aufgefressen wird.“

Genau da liegt der Hebel:

Mehr Netto vom Brutto ist im Kern eine politische Frage – keine, die Stadtwerke, Kliniken oder Kitas allein lösen können.


6. Zeit für eine neue Allianz: Beschäftigte & Mittelstand

Aus Sicht des deutschen Mittelstands ist klar:

Wir brauchen starke Beschäftigte – und starke Unternehmen.

Beide werden heute von denselben Strukturen ausgebremst:

  • hohe Steuer- und Abgabenquote
  • komplizierte, teure Bürokratie
  • zögerliche Reformpolitik

Statt sich gegenseitig das Leben schwer zu machen – mit Streiks auf der einen Seite und knallharten Kostenrunden auf der anderen – könnten wir sagen:

Lasst uns gemeinsam Druck aufbauen – für ein System, in dem Leistung sich wieder lohnt.

Gewerkschaften bringen Millionen Stimmen ihrer Mitglieder ein.

Der Mittelstand bringt Millionen Arbeitsplätze ein.

Gemeinsam wären sie eine politische Kraft, an der keine Bundesregierung vorbeikommt.


7. Ein Vorschlag an ver.di

Stellt euch vor, ver.di würde nach der nächsten Verhandlungsrunde sagen:

„Ja, wir kämpfen weiter für gute Tarifabschlüsse.

Aber der eigentliche Verhandlungspartner sitzt im Bundestag.

Wir wollen, dass Beschäftigten endlich mehr von ihrem erarbeiteten Geld bleibt.“

Das wäre klüger als der nächste große ÖPNV-Streiktag – und deutlich näher an dem, was die Menschen wirklich bewegt.


Fazit:

Streiks im ÖPNV treffen die Falschen – Pendler, Familien, Mittelstand.

Die eigentlichen Stellschrauben für mehr Geld im Portemonnaie liegen längst bei Steuern, Abgaben, Bürokratie und Lebenshaltungskosten.

Wer ernsthaft mehr Entgelt vom Brutto will, sollte den Staat nicht nur als Zuschauer der Tarifrunden sehen, sondern als zentralen Tarifpartner der Zukunft.

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